„Kehl ist hässlich!“

Diese und weitere Floskeln, ja zuweilen auch regelrechte Beschimpfungen, hört man über unsere Stadt. Zuletzt machte sich der Unmut an einem Post der Kehler Zeitung auf Facebook Luft. Der Hintergrund: Das Französische „Bienvenue“ stand auf dem Schild über dem deutschen „Herzlich Willkommen“. Dass dies vermutlich Platzgründe hatte wurde gar nicht diskutiert. Man war sich sofort sicher: Man kann sich als Deutscher in Kehl nicht mehr heimisch fühlen.

Ich muss sagen: Ich bin diese Diskussionen leid!

Gerade diese Debatten um die Franzosen. Dies ist oft ein Grund Kehl doof zu finden: Zu viele Franzosen. Klar, Kehl hat durch die Nähe zu Straßburg durchaus unter mehr Verkehr zu leiden und es ist auch viel los in der Stadt, aber ich finde das toll. Ohne die zahlreichen Kund*innen aus Frankreich wäre unsere Innenstadt lange nicht so belebt und schnell auch mit einigem Lehrstand versehen. Machen wir uns doch nichts vor: Zahlreiche Geschäfte müssten ohne Franzosen schließen und würden sich auch nicht ansiedeln. Wir sind eine Stadt mit 34.000 Einwohner*innen. Hier würden sich Markengeschäfte direkt eigentlich gar nicht ansiedeln. Durch die Nähe zu Straßburg tun sie es aber. Auch alteingesessene Fachgeschäfte könnten, in Zeiten von Internet und großen Ketten, sicher nicht überleben ohne Kunden aus Frankreich. Das alles sorgt aber auch dafür, dass wir Kehler*innen ein breites Angebot haben – im Gegensatz zu zahlreichen anderen Städten vergleichbarer Größe.

Auch unsere Bäder wären ohne Franzosen nicht finanzierbar. Viele Städte müssen aus Kostengründen schon kleine Hallenbäder schließen und ihre Bewohner*innen müssen für ein paar Bahnen weit fahren. In Kehl haben wir jedoch ein Hallenband und zwei Freibäder. Geradezu Luxus!

Kehl ist auch optisch alles andere als hässlich. Die Schönheit macht sich schon an der Lage fest: Zwischen Rhein und Schwarzwald gelegen haben wir unmittelbaren Zugriff auf Wasser und Berge. Die Ortenau ist sonnenverwöhnt. Die Rheinpromenade lädt zum Spazieren ein. Auch einfaches Picknicken im Gras ist drin. Mit dem Wasserturm, dem Weißtannenturm, der Friedenskirche und Mutter Kinzig haben wir auch einige tolle Sehenswürdigkeiten, die die Geschichte dieser- unserer – Stadt erklären. Straßburg sorgt für viele Übernachtungen in unseren Hotels. In den Dörfern, aber auch in der Kernstadt, haben wir ein vielfältiges Vereinsleben und auch das Kulturangebot ist im Großen und Ganzen sehr in Ordnung. Neben Theater und Kleinkunst haben wir auch noch ein Kino, welches den Spagat zwischen Hollywood und Programmkino gut hinbekommt und mit türkischen Filmen eine Marktnische sehr gut füllt.

Ich weiß nicht woher der schlechte Ruf kommt, aber wir Kehler*innen glauben ihn inzwischen ja selbst… Ein einschneidendes Beispiel war für mich die letzte Bürgermeisterwahl: Da kommen Kandidaturen von außerhalb und ständig wird darüber debattiert, welche Probleme Kehl hat und uns erklärt, was hier alles schief läuft. Ich fragte mich oft, warum, wenn Kehl so scheiße ist, der ein oder andere unser*e Bürgermeister*in werden wollte.

Klar, in Kehl ist sicher nicht alles perfekt und die Probleme müssen auch benannt werden. Die Kriminalitätsrate ist etwas höher, als woanders und die Spielautomaten sind eine Seuche, die man noch viel intensiver bekämpfen muss. Aber viele Probleme und der damit einhergebrachte Ruf sind selbstgemacht. Hauptgrund sehe ich die visionslose Politik, die unsere Stadtverwaltung macht. Auch der Einsatz für Kehl könnte größer sein, wenn wir auf die geschlossene Geburtenstation und jetzt aktuell auf die Berufsschule und die völlig verbaselte Schulentwicklung gucken. Das alles nagt am Image.

Trotzdem: Wir Kehler*innen sollten aufhören unsere Stadt schlechtzureden. Wir sollten uns kommunalpolitisch engagieren und Druck machen auf einen großen Teil der Stadträte, die die Stadt nur verwalten statt eine Geschichte von Kehl in 10, 20 und 50 Jahren zu erzählen und aufzuzeigen, wohin die Reise gehen könnte. Es ist unsere Stadt und es liegt verdammt nochmal an uns sie zu gestalten!

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