Sehr geehrter Herr Bundespräsident

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

was Sie im ZDF-Sommerinterview sagten, hat mich verwundert. Gerade weil Sie in einem Überwachungs- und Unrechtsregime aufgewachsen sind, war ich entsetzt über Ihre Worte.

Sie sagten: »Wir wissen zum Beispiel, dass es nicht so ist, wie bei der Stasi, wo es dicke Aktenbände gibt, in denen unsere Gesprächsinhalte alle aufgeschrieben sind.«

Sie denken hier zu analog. Es ist genau das Gleiche. Ob dicke Akte oder volle Festplatte. Das spielt keine Rolle. Durch den technologischen Fortschritt wird es den Spionen auch noch einfacher gemacht. Mussten Stasi-Mitarbeiter noch mühsam die Unterlagen herauskramen und nachblättern, können diese heute problemlos am Computer die Daten verarbeiten, filtern und sichten.
Das ist vielleicht nicht mehr so eindrucksvoll, wie hunderte Kilometer dicke Aktenordner, aber dafür umso gefährlicher.

Weiter sagen Sie über Snowden: »Ich würde dann Sympathie haben, wenn eine Regierung dabei ist das Recht zu beugen. Und derjenige, der sich aufgerufen fühlt, diese Rechtsbeugung öffentlichen zu machen, wenn der auch bereit ist diese Verantwortung zu tragen.«

Mit der gleichen Argumentation könnte man alle Stasi-Spitzel reinwaschen. Schließlich haben sie sich an Recht und Gesetz der DDR gehalten. Außerdem: Hätten Sie gefordert, dass ein Stasi-Mitarbeiter, der die Überwachung öffentlich gemacht hätte, sich vor einem DDR-Gericht verantworten muss? Vermutlich nicht.

»Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht« heißt es immer und das trifft es auch hier. Whistleblower tun genau das. Sie decken Misstände auf. Ob im Kleinen, wenn sie verraten, dass ihr Unternehmen Flüsse mit Abwässern illegal verschmutzt, oder Müll im Wald vergräbt oder im Großen, wie Snowden, wenn sie dadurch auch drastische Einbußen in ihrem eigenem Leben eingehen müssen, weil diese Misstände durch Gesetze selbst geschützt sind und den Staat betreffen.

Für mich ist das kein »purer Verrat«, sondern eine gute Tat, wie sie jeder tun sollte.

Daher bitte ich Sie, gerade als Bürgerrechtler, dass Sie hellwach bleiben und sich für solche Menschen engagieren.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Hense

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