Burkini-Debatte / Antwort an Frau Tömmes

Am 4. November berichtete die Kehler Zeitung aus der Sitzung des Auenheimer Ortschaftsrates. Dabei wählte die Ortsvorsteherin, Sanja Tömmes, Formulierungen, die ich kritisiert habe. Ich finde, dass Frau Tömmes viele Themenfelder miteinander vermischt und damit dem gesamten Komplex nicht gerecht wird und dies der Stimmung in der Stadt abträglich sein kann. Sie antwortete mir daraufhin. Mit diesem Blogpost möchte ich wiederum auf ihr Antwortschreiben sehr umfassend eingehen. Daher zitiere ich es hier in kompletter Länge mit dem Einverständnis von Frau Tömmes.

Sehr geehrte Frau Tömmes,

Sehr geehrter Herr Hense,

schade, dass Ihr offener Brief an mich nicht persönlich bei mir gelandet ist. In der heutigen Zeit gibt es viele Möglichkeiten jemandem eine Nachricht zukommen zu lassen: Post, Email, SMS, WhatsApp oder auch einfach jemanden bei Facebook markieren, damit er die ihn betreffende Nachricht auch erhalten kann. Außerdem kennen Sie auch den Weg nach Auenheim. Vor der Landtagswahl haben Sie es ja auch geschafft, mich hier zu besuchen und mir zu erzählen, warum Sie der richtige Kandidat für unseren Wahlkreis sind. Ich erfuhr – Danke an Herrn Egg – von der Kehler Zeitung von Ihrem offenen Brief an mich. Und wie sich das gehört, antworte ich natürlich. Anstand wurde mir beigebracht – auch als Kind aus einem Gastarbeiterhaus!

Zugegeben: Den Schuh muss ich mir anziehen lassen. Ich hätte Sie informieren sollen über meinen Facebook-Post. Umso mehr freue ich mich über Ihre Antwort!

Bei der Landtagswahl ging es mir darum Informationen über Aktivitäten und Probleme vor Ort zu erfahren. Ich habe das bisher bei jeder Wahl so gehandhabt mit den (Ober)Bürgermeister*innen ins Gespräch zu kommen. Auch weil, wäre ich gewählt worden, ich ja mit den Akteuren vor Ort zusammenarbeiten muss und will. Als Kehler hatte ich Interesse mehr über meine Heimatstadt zu erfahren und habe die Ortsvorsteher*innen ebenfalls besucht. Ich würde das wieder so machen. Ich fand die Gespräche – auch unseres, Frau Tömmes – sehr erhellend und sinnvoll.

Ich möchte Sie fragen, wo Sie all die Jahre gesteckt haben, als die Jugendlichen und Männer mit Badeshorts nicht ins Schwimmbad durften? Ohne Badeshorts ins Wasser – das war auch für meinen Sohn ein No-Go. Mein Sohn wurde ausgegrenzt. ABER: ich bin nicht auf die Barrikaden gegangen. Es war eine Verordnung, die die Qualität des Wassers gewährleisten sollte. Das habe ich so akzeptiert und mich dementsprechend angepasst. Man muss sich ja auch ein bisschen auf die Meinung von Fachleuten verlassen können, sonst bräuchte man sie nicht. Demnach wurden viele Jugendliche und Männer, denen seit 2007 verboten wurde mit Badeshorts die Kehler Bäder zu benutzen, jahrelang ausgegrenzt, weil (und jetzt kommt’s) die Wasserqualität nie gefährdet gewesen sein soll? Und genau hier setze ich mit „meiner Meinung“ (die ich äußern darf) an. Wenn wir plötzlich über Burkinis reden, ändern sich alle Vorschriften und Satzungen? Damals hat man sich also getraut das Grundgesetz zu missachten, heute tut man sich aber schwer damit, weil es Muslime betrifft? Der Ortschaftsrat hat sich gegen Burkinis in unserem Freibad ausgesprochen, weil es die Regelung mit den Badeshorts bereits seit Jahren gab. Und jetzt erklären Sie mir mal bitte, wie Badeshorts die Qualität gefährden und Burkinis sollen das nicht? Wir haben niemals von Weltanschauung und Religion gesprochen, sondern lediglich auf die Unvereinbarkeit des bestehenden Verbots mit der Zulassung von Burkinis gesprochen. Letztendlich sind andere auf den Zug gesprungen alles unter „religiösen Aspekten“ zu betrachten.

Einen Unterschied zwischen Badeshorts und Burkini sehe ich dennoch. Selbst ganz ohne Grundrechte-Aspekt. Shorts werden oft als Straßenbekleidung getragen und sind daher deutlich stärker verschmutzt. Dieses Argument kann ich zumindest nachvollziehen. Burkinis hingegen werden, wie Badehosen auch, aus einem anderen Material hergestellt. Auch weniger saugfähig ist dieses Material. Daher finde ich die Unterscheidung legitim, wenngleich ich sie selbst doof finde. Aber ich kann sie akzeptieren.

Bei dem Verbot von Badeshorts, wenn wir den Grundrechte-Aspekte mal weiterdenken, wird nur das Recht der allgemeinen Handlungsfreiheit eingeschränkt. Etwas, das – je nach Grund – verhältnismäßig leicht geht. Ein Grundrecht wie die Religionsfreiheit kann jedoch – selbst von privaten Badbesitzern – kaum eingeschränkt werden. Lediglich durch ein konkurrierendes Grundrecht. Dann muss man gewichten – was im Übrigen sehr schwer ist.

Für Bäder in öffentlicher Hand, wie es das Freibad in Auenheim ist, gilt dies umso mehr. Denn der Staat muss sich neutral verhalten und Grundrechte sind hier in weit stärkerem Maße zu berücksichtigen.

Daraufhin habe ich mich auch mit der religiösen Argumentation beschäftigt und siehe da, folgendes gefunden:
Der Koran fordert weder explizit die Pflicht zum Tragen eines Kopfschleiers, noch die Vollverschleierung von Kopf bis Fuß. Der Koran spricht nur davon, dass die Frauen sich zu ihrem eigenen Schutz züchtig bedecken sollen: „O Prophet! Sprich zu deinen Ehefrauen und Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Gewänder tief über sich ziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und nicht belästigt werden. Gott aber ist barmherzig und bereit zu vergeben (Sure 33,59).

Ich möchte nun keine Diskussion über das islamische Recht führen. Das würde hier viel zu weit führen und da sind solche Briefe nicht der geeignete Rahmen (und ich selbst auch nicht der beste Referent). Aber, da ich eine Vorlesung der Islamwissenschaft zum Thema „Religion und Kultur des Islam“ besucht (und die Klausur sehr ordentlich bestanden) habe, maße ich mir – ganz vorsichtig! – an hier etwas einordnen zu können.

Dazu muss ich etwas ausholen: Zunächst ist wichtig, dass es DAS islamische Recht nicht gibt. Die Scharia ist kein fertiges Buch, dass man aus dem Regal holt und man dort alle Regeln nachlesen kann. Es gibt im Islam viele verschiedene (historisch-kulturell gewachsene) Rechtsschulen und -praxen. Es gibt auch verschiedenste Rechtsquellen. Die beiden Wichtigsten sind der Koran (als Wort Gottes) und die Sunna (Brauch). Die Sunna sind durch Hadithe (Erzählungen) überlieferten Handlungen des Propheten.

Um den Koran zu verstehen muss man etwas Kontext beimischen. Offenbarungsanlässe sind wichtig, um die Suren und Verse korrekt einordnen zu können. Also: Warum wurde der Vers entwickelt? Auf welche Ereignisse nimmt er Bezug? Der Koran bedarf viel mehr Informationen VOR dem Lesen, als beispielsweise die Bibel. Auch ist es wichtig eine gute Übersetzung zu finden, wenn man dem Arabischen nicht mächtig ist. Selbst da sollte man aufpassen, dass man keine Ausgabe erwischt, die bestimme Kreise für ihre Zwecke missbrauchen (beispielsweise die LIES-Kampagne der Salafisten). Im Arabischen hat man sich auf die Kairiner Koranausgabe von 1924 geeinigt. In deutschen Wissenschaftskreisen ist die Übersetzung von Hartmut Bobzin anerkannt.

Im Übrigen interpretieren Sie den Koran an dieser Stelle korrekt: Es geht im Kern darum, dass die Frauen von Mohammed sowie gläubige Muslimas vor Übergriffen geschützt sind. Man sollte sie – und ihren hohen sozialen Rang – erkennen. Gerade zur Unterscheidung von Sklavinnen. Dennoch hat sich über die Jahrhundete eine – regional enorm verschiedene – Kopftuchpraxis entwickelt:
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Aber auch unabhängig, wie man den Koran an dieser Stelle interpretiert, ist es ein Fakt, dass viele Gläubige ihn so interpretieren, dass sie selbst das Kopftuch tragen sollen. Da Dritte aus dieser Auslegung keinen Schaden haben, ist hier die Glaubensfreiheit zu gewähren. Der Politik steht es nicht zu, zu bestimmen, wie Gläubige die Quellen ihres Glaubens auszulegen haben.

Sie weisen mich darauf hin, dass es auch „Gesetze“ in der Bibel gibt? Folglich müssen wir auch die Gesetze des Korans zulassen? Warum? Wir müssen uns nur an die Grundgesetze und die zehn Gebote halten! Mehr nicht!

Bei meinem Hinweis geht es mir weniger um Sie, als ganz allgemein darum, dass es auch in der Bibel Speisevorschriften gibt, die teilweise (nicht mehr) eingehalten werden (müssen). Mir ging es außerdem darum aufzuzeigen, dass die Speisevorschriften zu großen Teilen diesselben sind. Überhaupt gibt es zwischen dem Islam und dem Christentum (bzw. der Bibel) viele Gemeinsamkeiten: Beide glauben an den gleichen Gott. Viele Geschichten der Bibel und des Korans gleichen sich. Beide kennen Jesus (wenngleich Muslime ihn nur als Propheten, nicht als Sohn Gottes sehen). Beide Gruppen Fasten – sogar aus denselben Beweggründen. Das Gebot der Nächstenliebe kennt der Islam ebenfalls: Die Armensteuer, bei der es darum geht, dass Wohlhabende mit den Armen teilen und man füreinander einsteht. Mir geht es darum, dass es deutlich mehr gibt, was uns alle in Deutschland verbindet, als trennt. Warum besinnen wir uns aber nur auf das Trennende?

Wir müssen uns im Übrigen weder an das Grundgesetz, noch an die 10 Gebote halten. Das Grundgesetz regelt den Aufbau unseres Gemeinwesens. Es setzt dem Staat, nicht dem Bürger, Grenzen in seinem Handeln. Dem Bürger räumt es viel mehr Verteidigungsrechte gegenüber dem Staat ein. Halten muss man sich an geltende Gesetze. Das tue ich. Sie auch. Die 10 Gebote sind für Christen (aber auch für andere) ein guter Leitfaden für das Zusammenleben. Das ist gut so, aber ich als säkularer Mensch finde mich da nicht wieder. Das, was in den 10 Geboten steht, teile ich aus anderen ethischen, moralischen und politischen Gründen. Ich habe aber Verständnis und Respekt vor anderer Leuten Glauben und finde es gut, wenn sie Halt und Kraft in ihm finden. Auch finde ich es legitim, wenn sie politische Positionen aus ihm ableiten – egal welchem Glauben sie dabei angehören.

Wie weit wollen Sie gehen?

Bereits bis hier hin haben Sie im Übrigen wieder das getan, was ich an Ihren Aussagen kritisiert habe: Sie laden eine Entscheidung völlig unnötig auf. Es geht hier nicht um einen Kultur- oder Glaubenskrieg. Ich möchte Sie, liebe Frau Tömmes, eindringlich davor warnen! Sie vermengen, auch in diesem Schreiben hier, alle möglichen Themen, die mit der ursprünglichen Debatte nichts zu tun haben. Genau das werfe ich Ihnen vor. Dennoch antworte ich geduldig und erkläre und hoffe, dass ich etwas Verständnis schaffen kann. Ob es mir gelingt?

„Und wenn ihr bei denjenigen von euren Frauen, die keine Menstruation mehr erwarten, (irgendwelche) Zweifel hegt, soll ihre Wartezeit (im Fall der Ehescheidung) drei Monate betragen. Ebenso bei denen, die (ihres jugendlichen Alters wegen noch) keine Menstruation gehabt haben. “ … (Sure 65, 4) Es wird somit die Existenz von Ehen auch noch nicht geschlechtsreifer weiblicher Personen als gesellschaftliche Realität bestätigt. Wenn der Koran von der Scheidung von Minderjährigen Mädchen spricht, dann ist logischerweise die Heirat solcher auch erlaubt. Lieber Herr Hense, teilen Sie also die Meinung unserer Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz (SPD), dass man Kinderehen nicht pauschal verbieten sollte? Ist es das wirklich, was wir unter Religionsfreiheit zu verstehen haben?

Ich verweise an dieser Stelle nochmals auf meine obigen Ausführungen zum islamischen Recht.

In Sachen Kinderehe (was auch immer diese mit dem ursprünglichen Thema zu tun hat…) vertrete ich die Position, dass dies ein juristisch sehr schwieriges Feld ist. Und bevor mir als Grünen gleich wieder Pädophilie unterstellt wird (hätte ich für jedes „Grüner Kinderficker!“ am Wahlkampfstand eine Stimme mehr bekommen, dann säße ich jetzt mit sattem Vorsprung im Landtag!), möchte ich alle Leser*innen bitten aufmerksam meiner Argumentation zu folgen – auch wenn sie danach zu einem anderen Schluss kommen. Das ist ja schließlich legitim.

Zunächst haben wir die klaren Regeln des § 1303 BGB. Eheschließung ist in Deutschland erst mit der Volljährigkeit (18 Jahre) erlaubt. Es gibt die Ausnahme, dass man auch bereits mit 16 Jahren heiraten kann, wenn ein*e Partner*in bereits 18 Jahre alt ist. Das wollte – bisher – niemand ändern. Inzwischen mehren sich jedoch die Stimmen, die diese Ausnahmeregelung abschaffen wollen. Ich bin sowohl für Beibehaltung als auch für Abschaffung offen. Es gibt für beides sehr gute Argumente. Meine Meinungbildung ist da noch nicht abgeschlossen.

Nun haben wir mit der großen Anzahl von Schutzsuchenden die Konfrontation damit, dass legal (nach den Gesetzes des jeweiligen Herkunftslandes) abgeschlossenen Ehen mit Minderjährigen vorhanden sind. Wir müssen nun eine Position und Praxis finden, wie wir mit dieser Tatsache umgehen. Ein pauschales Annulieren aller Ehen ist deshalb problematisch, weil auch Deutschen im Ausland rechtliche Besonderheiten aus ihrer Heimat zugestanden werden. Hier geht es also, um die – teilweise – Anerkennung von Rechtspraxen. Nun ist die Kinderehe ein besonders heikles Eisen und die komplette Akzeptanz kann meines Erachtens auch nicht die Lösung sein. Ich plädiere für den Zwischenweg, dass jede Ehe von deutschen Familiengerichten genau beleuchtet werden sollte. Ich habe dabei vollstes Vertrauen in unseren Rechtsstaat und in die Richter*innen, die im Kindeswohl handeln und eine gute, wohlüberlegte Entscheidung treffen werden. Genau das passiert im Moment im Übrigen auch. Mit dem Ergebnis, dass manch Ehe annuliert und andere Ehen auch anerkannt werden.

Peter Szymaniak: „Wer als Eltern seine Tochter nur Ganzkörper-verhüllt in Schwimmbäder schickt, der schadet – zumindest in dieser Gesellschaft, in der die Familie ja leben will – seinem Kind: Das Mädchen wird ausgegrenzt, wird vielleicht sogar verspottet. Da muslimische Jungs keinen Burkini tragen müssen, ist jede so verhüllte Frau ein herber Rückschlag im Kampf um mehr Gleichberechtigung der Geschlechter. Der Burkini entspringt zudem einer üblen reaktionären Sexualmoral, die Jungs und Männer als unkontrollierbare Triebtäter einstuft und deshalb das Zeigen nackter Arme verbietet. Was für ein Menschenbild!“

Die Argumentation von Herrn Szymaniak kann ich nachvollziehen. Aber: Werden Mädchen wegen des Tragens von Burkinis verspottet, dann sind sie zu schützende Opfer von Mobbing und Ausgrenzung und an diesem nicht selbst schuld. Es muss in diesem Land möglich sein, dass ein Mädchen – ja jeder Mensch! – das anziehen kann, was er will. Ganz gleich, wie andere das finden.

Ich verurteile im Übrigen nicht, dass es Halal-Essen an Schulen gibt, sondern ich verurteile nur, dass es Schulen gibt, die NUR Halal-Essen anbieten, weil der Aufwand für die Vielfalt an Speisen sonst zu groß wäre. Also haben Kinder, die gerne Schweinefleisch essen, plötzlich keine Wahl mehr!

Kinder die gerne Schweinefleisch essen! Frau Tömmes, ich bitte Sie! Kinder essen gerne Pommes und Chicken Nuggets mit viel zu viel Ketchup. Davon abgesehen: Ich bekomme in der Mensa der Universität Freiburg auch nicht jeden Tag mein Leibgericht.

Im Übrigen hat Halal-Essen nicht nur etwas mit dem Verbot von Schweinefleisch oder der Schlachtung von Tieren zu tun. Halal ist das arabische Wort für „erlaubt“ und beschreibt somit alle Speisen, die erlaubt sind. Das fängt bei A, wie Apfel, an und hört bei Z, wie Zitrone, auf.

Mich wundert auch, dass Sie gegen diese Form des Schlachtens als Grünen-Politiker nichts einzuwenden haben. Diese Form der Tierquälerei müsste Sie eigentlich auf die Palme bringen. Aber Sie regen sich ja lieber auf über die unverantwortliche Ortsvorsteherin ohne Spitzenamt in der Politik! Köstlich!

Gegen die Halal-Schlachtung in Deutschland gibt es nichts einzuwenden. Hier herrscht auch ein großes Missverständnis vor: In Deutschland ist die Schlachtung von Tieren lediglich mit Betäubung erlaubt. Eine Halal-Schlachtung ist dennoch möglich. Im Kern geht es darum, dass das Tier sauber ausbluten soll. Ja, die Betäubung ist auch umstritten, aber hier gibt es eben verschiedene Lehrmeinungen (wie ich oben schon beschrieben habe. Es gibt nicht DIE Scharia). Die Einen sagen, dass die Betäubung notwendig ist, weil das Tier nicht leiden soll (hierzu gibt es ebenfalls zahlreiche Suren, die den Respekt vor den Geschöpfen Gottes verdeutlichen), andere sehen diesen Weg nicht.

Wir tun hier als Deutschland gut daran eine Lösung gemeinsam mit den Glaubensverbänden zu finden, damit wir jüdisches und muslimsiche Leben nicht verunmöglichen.

Grundsätzlich möchte ich noch anfügen, dass ich zu diesem Thema ganz oft von Menschen angesprochen werde, die selbst vermutlich nie im Bio-Laden oder beim örtlichen Metzger Fleisch kaufen. Im Gegensatz zu diesen Menschen engagiere ich mich ganz entschieden gegen tierquälerische Massentierhaltung.

Ich habe viele muslimische Freunde. Ich bin in einem Stuttgarter Stadtteil mit sehr hohem Gastarbeiter-Anteil aufgewachsen und ich verrate Ihnen nun etwas, dass Sie gerne für sich behalten dürfen aber auch gerne in die weite Welt schreien dürfen: Keine meiner muslimischen Freundinnen musste sich vermummen, keine musste vom Schwimmunterricht fern bleiben (sie trugen einfach – so wie ich – einen Badeanzug), zogen sich mit uns nach dem Handballtraining in einer Umkleide um, saßen bei uns am Tisch und aßen mit uns zu Mittag, obwohl wir Schweine-Schnitzel mit Pommes auf dem Teller hatten. Und wir hatten Spaß: Ja, wir tranken auch Alkohol und tanzten in Discos ab, ohne dass uns jemand begrabschte oder angriff, weil wir zu freizügig angezogen waren. Die Eltern meiner Freunde wollten, dass ihre Kinder frei sind. Und siehe da: Meine muslimischen Freunde wurden Ärzte, Ingenieure und Anwälte, heirateten „Ungläubige“ und sind glücklich und zufrieden und lieben das Land, dass ihnen dies ermöglicht hat. Viele meiner muslimischen Freundinnen haben sogar Angst vor diesem radikalen Islamismus, der nichts mit ihrer Religion zu tun hat.

Diese muslimische Freunde kenne ich 🙂

Übrigens: Satzungen werden sehr wohl vom Gemeinderat verabschiedet – auch eine Bädersatzung, die solche Dinge wie „Badekleidung“ zu regeln hat. Wenn Sie bei Gelegenheit mal Zeit hätten an einer Sitzung teilzunehmen oder einen Blick auf die Hauptsatzung werfen würden, wäre Ihnen sicher ein solcher Satz wie: „auch wenn ich Badebekleidung nun wahrlich nicht für eine solch hochpolitische Entscheidung, dass man damit den Gemeinderat zwingend einbeziehen muss, halte.“ nicht einfach so herausgerutscht. Aber Sie verbringen ja die meiste Zeit in Freiburg. Da kann man sich selbstverständlich nicht ausreichend um Themen der Stadt Kehl kümmern. Dafür habe ich Verständnis.

Ja, ich verbringe viel Zeit in Freiburg. Aber ich lasse mir nicht absprechen mich nicht für meine Heimatstadt zu interessieren. Im Gegenteil: Ich habe ja ganz bewusst schon 2x bei Kommunalwahlen teilgenommen. Als Vorsitzender des DRK übernehme ich ebenfalls Verantwortung in unserer Stadt. Ich kann leider nicht auf Sitzungen sein, gleiche dies aber durch einen guten Draht zu unseren Mandatsträgern aus. Außerdem lese ich aufmerksam die Kehler Zeitung und den Stadtanzeiger/Guller und versuche so auf dem Laufenden zu bleiben.

Mir ging es außerdem darum, deutlich zu machen, dass Kehl größere Probleme und Projekte zu bewältigen hat, als diese – so empfinde ich es – Provinzposse. Davon abgesehen könnte ich jedoch gut damit leben, dass die Leiter der Bäder selbst Verantwortung übernehmen. Aber vermutlich haben Sie Recht, dass eine gute Satzung der bessere Regelungsweg ist.

Sie haben bestimmt die vollverschleierte Nora Illi bei Anne Will in der ARD gesehen! Ja, hier könnten Sie sich bitte mal aufregen! Wie ist es nur möglich in einem Land wie Deutschland öffentlich Propaganda für den radikalen Islamismus zu machen? Wie weit geht Ihre „Religionsfreiheit“ von der Sie in Ihrem Schreiben an mich sprechen? Wachen Sie auf, Herr Hense, die Menschen hier haben Angst vor dieser Überfremdung. Diese „Kleingeister“ – wie Sie sie nennen – haben Angst vor Menschen, die unsere Kultur und unsere Werte nicht akzeptieren wollen und können – genau deshalb, weil es ihnen ihre Religion anscheinend verbietet. Wir leben in einem Multi-Kulti-Staat. Aber dieser funktioniert nur deshalb seit Jahren gut, weil die Menschen bereit waren, sich der Kultur hier anzupassen. Wer das nicht getan hat – und solche gibt es auch – lebt in einer Parallelwelt, mitten in Deutschland!

Wer sagt denn, dass ich mich darüber nicht aufrege? Aber: Ich gucke diese Sendungen abends sehr selten bis gar nicht mehr, weil ich mich beim Schauen eben viel zu stark und zu häufig aufrege.

Gerne können wir jedoch über Ängste reden. Aber: Sprechen wir mal nicht über die Ängste von Pegida, AfD und Co, sondern sprechen wir über meine Ängste. Ich habe nämlich auch Angst. Ich habe Angst, dass es einen gesellschaftlichen Rollback gibt. Ich habe Angst, dass weitere Flüchtlingsheime angezündet werden. Ich habe Angst, dass Übergriffe von Rechten auf Menschen, die diese für nicht deutsch erachten (Was ist eigentlich ‚Deutsch‘?), noch weiter zunehmen. Ich habe Angst, vor den Menschen, die meinen homosexuellen Freunden in der Stadt hinterherbrüllen. Davor habe ich Angst. Warum reden wir nie darüber? Ich höre immer „Man muss über alles reden können!“ Ja, außer es ist der Veggie Day, die Homo-Ehe, die Doppelte Staatsbürgerschaft, Moscheen in Innenstädten oder Sexualkunde mit queeren Lebensentwürfen. Darüber können wir dann leider nicht reden. Warum eigentlich nicht?

Überfremdung finde ich im Übrigen ein schreckliches Wort. Fremder als Rechte, Nazis, „besorgte Bürger“, Lügenpresse-Gröhler und Homophobe kann mir doch kaum wer sein. Niemand kann sich weiter von meinen Werten und Inhalten, an die ich glaube, entfernen.

Eine Parallelwelt sehe ich im Moment eher am rechten Rand der Gesellschaft entstehen. Fakten und überprüfbare Analysen gelten dort nicht mehr. Plumpe Stimmungsmache wird auf Facebook rumgereicht und auch nach einem klaren Gegenbeweis, wird dieser nicht angenommen. Das ist für mich auch eine Parallelwelt, die mit meiner Lebensrealität nichts zu tun hat.

Kultur ist nichts statisches. Kultur ist menschengemacht und im Wandel. Ich finde den Erhalt von Brauchtum auch gut. Aber wenn etwas wegfällt, entsteht auch wieder Neues. Ich werbe da für Brauchtumspflege, aber eben auch für Offenheit. Wir alle gestalten die Kultur in der wir leben und vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt in unserer Kultur. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir uns zurückentwickelt haben. Im Gegenteil!

Ich spreche gerne mit den Menschen über ihre Ängste, aber manch einer muss auch bereit sein, einzugestehen, dass er Unrecht hatte. Oft muss man auch Akzeptieren, dass das, was man kritisiert, mit dem eigentlichen Problem, das man in seinem Leben hat, auch gar nichts zu tun hat. Das erlebe ich im Übrigen sehr oft im Gespräch. Es geht den Menschen oft gar nicht um „die Flüchtlinge“ oder „die Ausländer“, sondern um meist sehr konkrete, selbst erfahrene Ungerechtigkeiten.

Daher finde ich es umso wichtiger, dass sich Mandatsträger*innen nicht an solchen Stimmungen beteiligen. Politik kann keine Ängste nehmen. Aber Politik kann Probleme lösen. Also habe ich die Bitte, dass wir gemeinsam an Lösungen arbeiten. Es gibt genug zu tun, aber ich bin optimistisch, dass wir gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort machen können.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Hense

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