Lasst uns auf den ÖR schimpfen, aber ihn auch gegen rechte Angriffe verteidigen!

Der WDR formuliert ein (meines Erachtens völlig unlustiges) satirisches Lied und es marschieren Rechte in Köln vor dem Sender auf. Der hiesige Landtagsabgeordnete Räpple (AfD), der eine ganz eigene Schande für unsere Region darstellt, demonstriert in Baden-Baden vor dem SWR.

In Deutschland konnte man schon immer gut über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schimpfen, aber inzwischen steht er enorm unter Druck. Grund genug für mich mal Position zu beziehen und mit euch meine Gedanken zu teilen.

Zunächst gilt es mal deutlich zu machen, was man eigentlich für 17,50€ monatlich bekommt. Hier findet ihr mal alle Sender und Radioprogramme, die wir mit unserem Rundfunkbeitrag finanzieren.

Dann gilt es grundsätzlich zu sagen, dass sich einiges geändert hat: Der Rundfunkbeitrag wird nicht mehr mit ominösen GEZ-Fahndern eingetrieben und er gilt nur noch haushalts- statt gerätebezogen, sodass er für die Allermeisten einfacher und günstiger geworden ist. Mit funk hat man den Schritt gewagt die Generation Youtube dort abzuholen, wo sie ist: Im Netz.

Mir ist wichtig zu betonen, dass wir gerade in Zeiten von Fake News und Propaganda einen unabhängigen Journalismus brauchen, der die Entwicklung seriös einordnet. Denn: Neben den 80 Mio. Bundestrainer*innen haben wir auch 80 Mio. Expert*innen für Elektromobilität, den Klimawandel und die Flüchtlingspolitik – und es liegt in der Natur der Sache, dass da die meisten eigentlich keine oder wenig Ahnung haben (mich eingeschlossen!). Hier kommt der ÖR zum Zuge, der möglichst objektiv berichten soll. Der komplexe Sachverhalte verständlich machen muss.

Er ist, im Gegensatz zu den Privatmedien, keinen Marktgesetzen unterworfen. Durch die Beitragspflichtigkeit ist er uns, den Zuschauer*innen, verpflichtet und sicher finanziert. Eine Steuerfinanzierung würde ihn abhängig von der Politik machen. Auch das oft gehörte „Aber ich zahle nicht freiwillig!“ oder „Ich nutze ihn gar nicht!“ gilt für mich nicht: Ich nutze beispielsweise auch viele Teile unseres Gemeinwesens nicht und bin dennoch bereit sie mit meinen Steuern mitzufinanzieren und als Stadtrat für diese Dinge die Hand zu heben und Gelde bereitzustellen.

Rundum: Der ÖR ist wirklich wichtig und fast perfekt. Davon konnte ich mich auch 2015 bei einem Besuch bei der Tagesschau überzeugen.

Natürlich darf man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisieren. Kritik gehört in der Demokratie dazu. Ich habe auch welche: Beispielsweise ist das Unterhaltungsprogramm oft seicht. Es hat aber dennoch seine Berechtigung, weil es gesellschaftliche Entwicklungen und Debatten aufnehmen und einem breiten Publikum verständlich machen kann und soll. Der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen war ürigens in einer TV-Serie des WDR zu sehen. Das Privatfernsehen hätte sich das damals noch gar nicht getraut. Zu viel Angst vor der Zuschauer- und Kundenreaktion. Der WDR konnte dieses Risiko eingehen und heute lachen wir darüber, dass man mal Sorge hatte (und bei Bauer sucht Frau, werden inzwischen auch Männer gesucht und es gibt auch einen deutschen Ableger von RuPaul’s Drag Race).

Auch kann man diskutieren, ob man den Saarländischen Rundfunk sowie Radio Bremen nicht in den SWR und NDR eingliedert und so Geld spart, um es in Auslandsstudios zu investieren. Gerade auf dem afrikanischen Kontinent sind die Sender viel zu wenig präsent. Ein dichtes Korrespondent*innen-Netz ist aber wichtig, um jemanden vor Ort zu haben, der die Sprache spricht, Entwicklungen sieht und diese einschätzen kann. Gerade Bürgerkriegskonflikte oder jetzt die aktuellen Entwicklungen in der Golfregion (Irak, Iran, Jemen) kann man nicht nach 5 Minuten Google-Suche verstehen. Da braucht es Leute, die jahrelang journalistisch in der Gegend aktiv sind und Quellen gut bewerten können.

Auch die EU-Politik muss mehr in den Fokus gerückt werden. Viel zu selten wird darüber berichtet. Mit Phoenix, Tagesschau24 oder 3Sat hat man auch entsprechende Programme, die das leisten könnten. Gerade 3Sat als Kulturprogramm hat auch einen zu starken Fokus auf Hochkultur. Hier könnte junge Kultur und moderne Kunst mehr Raum erhalten.

Auch kann man Effizienz erwarten. Ich finde es fatal, dass fast alle Regionalsender eigene Verbraucherschutzmagazine unterhalten. Hier wäre ein Magazin, das in allen dritten Programmen gesendet wird (wie es bei der Tagesschau geschieht) deutlich sinnvoller und im Sinne der Beitragszahler*innen. Dennoch haben die dritten Programme eine wichtige Funktion. Brauchtum und Dialekte müssen gefördert und gepflegt werden. Daher sind Sendungen auf bayrisch, platt oder sächsisch vollkommen legitim und wichtig. Ich wünsche mir sogar mehr Regionalität: mehr Landespolitik, rein in die Kommunalpolitik und auch Minderheiten (Dänen, Sorben) mehr Gewicht geben.

So wie es einen deutsch-französischen Sender gibt (aus Erbfeinden wurden Freunde), wünsche ich mir auch einen Sender in türkischer und russischer Sprache, um den größten Einwanderungsgruppen Gehör zu verschaffen. Diese sollten perspektivisch auch bestimmten Regionen und Glaubensrichtungen Raum geben und so Verständnis zwischen den Kulturen schaffen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht zwar Reformen und vielfach neuen Schwung, aber er bietet schon jetzt viel für kleines Geld. Vor allem bietet er Dingen einen Platz im Fernsehen und Radio, die unmöglich im Privatfernsehen oder bei Streamingdiensten, wie Netflix, Raum erhalten würden.

Lasst uns wirklich gemeinsam über den Rundfunk diskutieren. Lasst uns streiten. Aber lasst ihn und auch gegen plumpe Angriffe verteidigen!

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